Friedrich List

Friedrich List Ökonom (1789-1846) und Trumps Schutzpatron?

  ASPEKTE

Beamter und Inhaftierter, Vordenker und Pragmatiker

  • List verurteilte die britische Freihandelsideologie als Unterdrückungsmechanismus.
  • Als Unternehmer sprach er sich für US-amerikanische Schutzzölle aus.
  • Seine Wirtschaftsideen erprobte er stets selbst.

 

Bild: Peter GeymayerDaniel Friedrich List wird 1789 in Reutlingen geboren, unbehelligt von der Revolution im benachbarten Frankreich. Weder interessiert noch begabt für die väterliche Gerberei schlägt List eine Karriere als Beamter ein, die ihn bis in den Württembergischen Landtag führen soll. Erst wird er aber 1817 Leiter der neu gegründeten Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen. In der Tat war List in seinem ganzen Wirken nicht nur Wirtschafts- sondern auch Staatswissenschaftler.

1820 zog er ins Württembergische Parlament ein. Schon 1821 wurden ihm aber wegen seiner „Reutlinger Petition“, welche die Macht und Korruption des Beamtenapparats anprangerte, der Sitz und die Immunität entzogen. 1822 wird er zu Festungshaft verurteilt. Nach unglücklicher Flucht in die Nachbarländer kehrt List 1824 nach Württemberg zurück, um seine Haft anzutreten. Nach fünf Monaten wird er begnadigt, unter der Auflage in die USA auszuwandern.

Dort reiste er kurz nach seiner Ankunft mit dem französischen General Marquis de Lafayette, den er während seiner Flucht in Paris kennengelernt hatte, quer durch die Vereinigten Staaten und lernte viele einflussreiche Männer kennen. Dann versucht er sich erfolglos als Farmer und übernimmt bis 1830 als Herausgeber die Zeitung für deutsche Auswanderer in Pennsylvania – den „Readinger Adler“. List wird außerdem zu einem amerikanischen Eisenbahnpionier, als er 1830 mit Partnern eine Bahnlinie gründete, um Kohle aus seinem Bergwerk abzutransportieren.

Als inzwischen amerikanischer Unternehmer beteiligt sich List, der in den Vereinigten Staaten auch mit den Ideen des amerikanischen Gründervaters, Alexander Hamilton, in Berührung gekommen war, an der US-Schutzzoll-Kampagne. In der 1827 veröffentlichten Schrift „Outlines of American Political Economy“ untermauert er die Schutzzollforderung wirtschaftswissenschaftlich und erklärt, dass die Freihandelsideologie vor allem ein Mittel Englands ist, schwächer entwickelte Staaten in Abhängigkeit zu zwingen. Seitdem zählt List zur „amerikanischen Schule der Nationalökonomie“.

Sein Hauptwerk, das „Nationale System der politischen Ökonomie“, erscheint 1841, fünf Jahre vor seinem Tod. Es sind die Lehren seines Lebens, das er lebt wie ein wirtschaftspolitisches Experiment. Darin spricht er sich für eine aktive Rolle des Staates aus, seine Idee der Schutzzölle für „infant industries“ gehört heute zu den Grundlagen der Wirtschaftstheorie.

Dennoch war List nicht immer und nicht komplett gegen Freihandel. Im Gegenteil: In Deutschland setzt er sich für eine Zollunion der Kleinststaaten ein. 1819 war er Vordenker des „Deutschen Handels- und Gewerbevereins“ zur Abschaffung der Zölle und Vereinfachung des Transports in den deutschen Fürstentümern. Und das von ihm angestoßene Projekt des Rotteck-Welckerschen-Staatslexikon wird heute als eine der wichtigsten Schriften des deutschen Frühliberalismus gehandelt.


  AUSSAGEN

Friedrich List über Ökonomie und liberale Werte

  • List verstand sich selbst als Pragmatiker.
  • Schutzzölle sah er als Weg zum Freihandel.
  • In Zeiten der Krise sei Protektionismus unausweichlich.

 

Über die Wirtschaft:

„Das beste Werk, das man über Ökonomie lesen kann, ist das Leben.“    

Über den Freihandel:

„Der Schutzzoll ist unser Weg, aber der Freihandel ist unser Ziel.“

„Erstens, dass die Zölle und Mauten im Innern Deutschlands aufgehoben, dagegen aber zweitens ein auf dem Grundsatz der Retorsion beruhendes Zollsystem gegen fremde Nationen aufgestellt werden möchte, bis auch sie den Grundsatz der europäischen Handelsfreiheit anerkennen.“

Über internationalen Wettbewerb:

„Es ist eine allgemeine Regel der Vorsicht, dass man, wenn man auf der Spitze angekommen ist, die Leiter, die einen dorthin gebracht hat, umstößt, um den Anderen die Möglichkeit zu nehmen, auch dorthin zu gelangen.“

Über den Hang zu Protektionismus in schwierigen Zeiten:

„In der Zwischenzeit deuten alle Anzeichen daraufhin, dass das protektionistische System in Nordamerika im Laufe der nächsten paar Jahre wieder sein Haupt erheben und neue Fortschritte machen wird.“

„Es liegt also in der Natur der Dinge, dass die Zahl der Anhänger des Protektionistischen Systems wieder steigen muss und die der Verfechter des Freihandels wieder sinken wird.“

„Im ausschließlichen Verfolgen des politischen Objekts (…) würde das Industrielle System Regierungen zu einem prohibitiven System verführen, oder dazu, so etwas wie Strafzölle zu verhängen, wo Schutzzölle dem Ziel besser entsprechen würden.“

Über produktive Kräfte:

„Die Kraft, Reichtümer zu schaffen, ist demnach unendlich wichtiger als der Reichtum selbst.“

Über Korruption und Meinungsfreiheit:

„Wo Freiheit, Ehre und Vermögen des Bürgers durch verfassungswidrige Handlungen der Staatsfunktionäre bedroht sind“, werde „es wohl keiner Entschuldigung bedürfen, wenn der Verfolgte an die öffentliche Meinung appelliert.“

Über Bürgerrechte:

„(Zu einem funktionierenden und produktiven Staat gehören) Institutionen und Gesetze, welche dem Bürger Sicherheit der Person und des Eigentums, den freien Gebrauch seiner geistigen und körperlichen Kräfte sichern.“


  ANSICHTEN

„Wortreicher Pathos“: Stimmen zu Friedrich List

  • Lists Argumente gelten als nicht mehr aktuell.
  • Seine Ideen scheitern am Timing.
  • Trumps Außenwirtschaftspolitik erinnert stark an List.

 

Ivo Lambi, Wirtschaftswissenschaftler (in Free Trade and Protectionism in Germany, 1868-1879):

„Lists Argumente sind nicht mehr vollständig anwendbar auf entwickeltere Volkswirtschaften.“

Paul Krugman, In Foreign Policy, „Proving my point“ (1994)

„Mehr Leute sollten die Werke von Friedrich List lesen. Wenn sie es tun, werden sie sich fragen, wie dieser hochtrabende, verwirrte Schreiberling (…) auf einmal wieder ein Liebling geworden ist (...) Der neue List-Kult hat eine unheimliche Ähnlichkeit mit der Heiligsprechung des klassischen französischen Ökonomisten Jean-Baptiste Say durch rechte Nachfrage-Proponenten.“

Eugen Wendler, emeritierter Wirtschaftsprofessor aus Reutlingen, Co-Autor List-Sammelband (2012)

„Ich bekomme oft Anfragen zu Beiträgen über List, doch nie aus Deutschland.“

Konrad Fuster, Politikwissenschaftler und Journalist, WirtschaftsWoche-Redakteur im Ressort Politik & Weltwirtschaft (2012):

„Fast alle Länder, die sich an der Umsetzung von Lists Theorien versucht haben, sind an der Frage des richtigen Timings gescheitert.“

Karl Marx (in Kritik der bürgerlichen Ökonomie: Neues Manuskript von Marx und Rede von Engels über F. List, ca. 1859):

„Herr List (..) bläht sich beständig zu einem schwerfälligen und wortreichen Pathos auf, dessen Kern in steter Wiederholung die Schutzzölle und ‚teutsche’ Fabriken, dessen trübes Gewässer stets in letzter Instanz auf die Sandbank treibt. Er ist beständig sinnlich-übersinnlich.“

Pepe Escobar, Sputnik-News-Kolumnist, Korrespondent Asia Times (2016):

„Das alles deutet darauf hin, dass Trump ein Experte in den Nationalwirtschaftsideen von Friedrich List werden könnte.“

Fürst Metternich (1773-1859):

„Einer der Tatigsten, Verschlagensten und Einflußreichsten der deutschen Revolutionsmanner.“ (sic)

Dieter Senghaas, Friedens- und Entwicklungsforscher (1989):

„Das begrenzte Interesse in Lists Werk scheint paradox, wenn man bedenkt, dass man ihn den Urgroßvater der heutigen Entwicklungspolitik (…) nennen könnte. Diese auffällige Unterschätzung (…) wiederholt ein tragisches Element, das auch lange Phasen seines Lebens charakterisierte.“

Keith Tribe, Wirtschaftshistoriker (1988):

„Wenn der moderne Leser sich Lists berühmtestes Werk (…) vornimmt, wird die Reaktion wahrscheinlich  Enttäuschung, vermischt mit Überraschung sein (…) Dies ist nicht das Werk eines „professionellen“ Wirtschaftswissenschaftlers, sondern eines Populisten.“

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