Roberto Azevêdo

WTO-Chef

  ASPEKTE

Schutzengel des Freihandels

  • Der Brasilianer startete seine Karriere im diplomatischen Dienst.
  • Seit langem befasst er sich mit Außenwirtschaftsthemen.
  • Er hat sich einen Ruf als Konsensbilder aufgebaut.

 

Heute ist der Ruf nach Protektionismus mit verschiedenen Regierungschefs in Europa und den USA, wie Donald Trump im Weißen Haus, so laut wie lange nicht mehr in der nahen Vergangenheit. Gleichzeitig ist auch die WTO zurück in der Arena. Der Brasilianer Robert Azevêdo übernahm 2013 von seinem französischen Vorgänger Pascal Lamy eine mit der Doha-Runde gescheiterte Welthandelsorganisation. Wer aber ist der Mann an der WTO-Spitze, dessen erste Amtszeit im September dieses Jahres ausläuft und der ohne Gegenkandidaten im Februar bereits wiedergewählt worden ist?

Der 1957 in Brasilien geborene Azevêdo studierte Elektrotechnik und internationale Beziehungen, arbeitete bei der Weltorganisation für geistiges Eigentum und der Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen, sowie bei der Internationalen Fernmeldeunion in Genf. 1984 trat Azevêdo in den diplomatischen Dienst Brasiliens ein. Dort sammelte der junge Diplomat Erfahrung an den Botschaften in Washington D.C. und Montevideo. Später war er Gesandter der Ständigen Vertretung Brasiliens in Genf. Doch nicht nur das geographische Umfeld seines heutigen Postens ist ihm seit langem vertraut, auch im Bereich des internationalen Handels kennt er sich bestens aus: Sieben Jahre lang leitete er das Wirtschaftsreferat im brasilianischen Außenministerium. 2008 kehrte er als Ständiger Vertreter Brasiliens bei der WTO nach Genf zurück. Seit dem Cancun Gipfel 2003 und unter der Präsidentschaft Lula da Silvas hat sich Brasilien als aufsteigende Nation Südamerikas zu einem der wichtigsten Länder innerhalb der WTO aufgeschwungen.

Doch auch als Repräsentant eines „Unruhestifter"-Landes hat es Azevêdo während seiner Karriere geschafft, sich einen Ruf als ernstzunehmender Verhandlungsführer und Konsensbilder aufzubauen. 2013 wurde er als „Kandidat aus der Organisation“ gegen den ehemaligen mexikanischen Handelsminister Herminio Blanco schließlich zum Leiter der Organisation bestimmt. Damit war er, nach Thailands Supachai Panitchpakdi, erst der zweite nicht-europäische Chef der Welthandelsorganisation. Dafür hatte er die Unterstützung von Entwicklungs- und Industrieländern gleichermaßen gewinnen müssen. Wofür einer, der in allen drei Amtssprachen der WTO – Englisch, Spanisch und Französisch – fließend parlieren kann, vielleicht bessere Grundvoraussetzungen hat als manch anderer.


  AUSSAGEN

Roberto Azevêdo über die WTO, Protektionismus und Deutschland

  • Azevêdo plädiert für Geduld und reflektierte Beurteilungen, wenn es um kritische Themen geht.
  • So warnt er davor, verfrüht von Handelskriegen zu sprechen.
  • Von Protektionismus werde niemand profitieren.

 

Über Wachstum und Handel:

„Das globale Wachstum ist immer noch die treibende Kraft für den Welthandel. Wenn das globale Bruttoinlandsprodukt wächst, wird der Welthandel dem Trend folgen.“

„Handelsüberschüsse sind nicht immer eine gute Nachricht für eine Volkswirtschaft.“

„Der Freihandel braucht Vorkämpfer.“

Über die Welthandelsordnung:

„Ich glaube nicht, dass wir die Welthandelsordnung infrage stellen müssen.“

„Wir sollten nicht verfrüht über einen Handelskrieg sprechen. Das wäre eine Katastrophe. Die Konsequenzen wären massenweise Jobverluste und eine ernsthafte weltweite Rezession.“

„Keiner wird seinen Job durch weniger Handel, mehr Isolation und Zölle zurückbekommen.“

Über die nächste Handelspolitik der USA:

„Viele sagen, die neue US-Administration sei gegen Freihandel und für Protektionismus. Wir wissen noch zu wenig über die amerikanische Handelspolitik. Wir sollten also noch abwarten.“

„Ohne Handel wird die USA nie wieder großartig.“

„In Handelsvereinbarungen steckt der Teufel meist im Detail. Deshalb ist es wichtig, genau zu wissen, was Präsident Trump meint, wenn er von unfairem Handel spricht.“

Zum Thema Handelsüberschüsse:

„Handelsdefizite können strukturell bedingt oder vorübergehenden Umständen geschuldet sein. Es ist also viel komplexer, als der erste Blick auf die Handelsbilanz offenbart. (...) Überschüsse sind also nicht immer eine gute Nachricht für eine Volkswirtschaft.“

Über die zunehmende Populäritat von Protektionismus:

„Wir bei der WTO waren von Anfang an sehr besorgt über diese Antifreihandelsproteste.“

„Es sind zu viele Gefühle und zu wenig Fakten im Spiel.“

„Freihandel sorgt für Disruption in der Weltwirtschaft, aber er ist nicht der Hauptschuldige für die Verwerfungen.“

„Der Verlust nationaler Souveränität wurde zu Unrecht dem Freihandel angelastet und hat zu einem wirtschaftlichen Nationalismus geführt.“

Über die Einstellung der Deutschen zu Freihandel:

„Deutschland profitiert wie kaum ein anderes Land vom Freihandel. Ich kann überhaupt nicht begreifen, warum ein Deutscher glaubt, Handel sei schlecht für sein Land.“

Zu dem Schiedsgerichten der WTO:

„Das Schiedsverfahren funktioniert und hat gute Dienste geleistet. Die meisten Mitgliedsländer sind zufrieden damit, und es gibt kaum den Wunsch, das Verfahren zu ändern.“

„Wenn Washington jetzt Vorschläge hat, wie wir das System noch besser machen können, sind wir natürlich offen dafür.“


  ANSICHTEN

Politiker, Wirtschaftsvertreter und Experten über den WTO-Chef

  • Viele Beobachter schätzen Azevêdos Kompetenzen als Führungskraft.
  • Der Erfolg seiner Arbeit hänge aber nicht zuletzt von den WTO-Mitgliedern ab.
  • Über die Attraktivität der WTO lässt sich auch unter der Führung Azevêdos streiten.

 

Dilma Rousseff, ehemalige Präsidentin von Brasilien, über Azevêdos Wahl:

„Das ist nicht nur ein Sieg für Brasilien oder eine Gruppe von Ländern, sondern für die ganze WTO.“

David Rothkopf, ehemaliger US-Handelspolitiker und Chef des Magazins „Foreign Policy“:

„Er ist ein anerkannter Führer im WTO-Hauptquartier.“

Antonio Patriota, ehemaliger Außenminister von Brasilien:

„Diese Wahl zeigt die Veränderung in der globalen Ordnung, die Entwicklungsländer zeigen Führungsqualität.“

Karl-Ernst Brauner, WTO-Ministerialdirektor aus Deutschland:

„Ich habe Roberto Azevêdo als zugänglichen, dynamischen Gesprächspartner erlebt. Ich schätze, er ist das, was man als 'moderne Führungskraft' bezeichnet.“

„Brasilien hat in den letzten Jahren die intellektuelle Führerschaft unter den Nicht-Industriestaaten übernommen. Und zwar ohne extreme Positionen zu vertreten.“

Miriam Leitão, Brasilianische Wirtschaftskolumnistin über Azevêdos Wahlsieg im Mai 2013:

„Ein Sieg für den Multilateralismus“

Rolf Langhammer, Kieler Institut für Weltwirtschaft:

„Wenn die wichtigsten Mitglieder nicht bereit sind, ihre merkantilistischen Vorstellungen aufzugeben, dann wird auch ein sehr tatendurstiger Generaldirektor keine Chance haben.“

Carla Brandi, Handelsexpertin am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik über die Rolle der WTO im Jahr 2016:

„Die WTO ist immer noch attraktiv für Beitrittsländer. Sie signalisieren damit, dass sie sich an moderne Handelsregeln halten, und sie erhöhen sich damit die Chancen für einen besseren Marktzutritt.“

„Das bereits beschlossene globale Regelwerk funktioniert: Die WTO-Regeln haben nach der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise den Protektionismus in Schach gehalten.“

Heribert Dieter, Welthandelsexperte bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik:

„Nur die geringen Erwartungen im Vorfeld lassen es zu, von einem Erfolg der Verhandlungen in Nairobi zu sprechen.“ (Über Den Nairobi-Gipfel Ende 2015)

„Viele große Akteure, allen voran die USA, aber auch die EU und die Japaner, wollen weg aus Genf, betrachten die WTO als lästig – und das ist eine gefährliche Entwicklung.“

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